Donnerstag, 15. Oktober 2009

Verzichten kann auch schön sein.

Wie ist eigentlich das Leben wenn man auf so viele Dinge, die einen sonst wie selbstverständlich umgeben, verzichten muss? Was fängt man mit der Zeit an, wenn sie plötzlich da ist?

Nun sind wir schon 2 Monate hier in Schweden und in einem weiteren halben Monat feiern wir schon unser Bergfest. Zeit für ein kleines Resume, wie wir die fast erste Halbzeit heile überstanden haben und immer noch glücklich sind.
Bevor es losging denkt man ja schon - trotz aller enthusiastischer und vielleicht sogar etwas naiver Vorfreude - darüber nach wie es wohl werden wird, in einem fremden Land mit fremder Sprache, in einem 18m² kleinen Zimmer zu Zweit, weit weg von allen Menschen und auch Dingen die einem lieb sind, ohne Beruf (was tut man denn dann überhaupt die ganze Zeit?), vielleicht (oder sogar ganz bestimmt) kommt Langeweile auf, dann wird die Zeit vielleicht nicht zur lang ersehnten Freiheit und Selbsterfahrung, sondern zum Alptraum der hoffentlich schnell vorüber geht.
Ein Alptraum ist aus dem neuen Leben nicht geworden. Alle Sorgen waren unbegründet - wie meistens.
Wir können uns hier in Verzicht üben und sind trotzdem glücklich. Wenn ich jetzt so an unser zu Hause denke und mal so überlege was dort in unserer doch recht geräumigen Wohnung so alles zu finden ist, dann kann ich nur mit dem Kopf schütteln wozu man das alles braucht. Die Schränke sind vollgestopft mit Kram den die Welt nicht braucht und trotzdem kann man sich nicht davon trennen. Aber wieso funktioniert das denn dann trotzdem hier? Vielleicht weil ich weiss, dass ich alles bald wiederhaben werde und es sich um einen begrenzten Zeitraum des Verzichts handelt? Hier wäscht man das Geschirr per Hand, eine Badewanne gibt es natürlich auch nicht und die Einkäufe werden mit dem Bus erledigt anstatt mit dem Auto zu fahren. Hier gibt man sich sogar damit zufrieden auf dem Laptop Fernsehen zu gucken, wo ständig das Bild stehen bleibt und man so ganze Filmausschnitte lang nur noch den Ton hört. Zu Hause würde mich sowas wahnsinnig machen, aber hier ist man ja irgendwie froh, dass man überhaupt deutsche Sender empfangen und so den einen oder anderen Tatort schauen oder besser gesagt hören kann. Man ist mit kleinen Dingen leicht zufrieden zu stellen.
Und wie ist das nun zu zweit auf 18m²? Das kann doch eigentlich nicht gut gehen oder? Doch! Die Chinesen schaffen es ja schließlich auch zu Hauf auf engstem Raum zu leben. Und mit etwas Rücksichtsnahme beiderseits und einem liebevollen Umgang miteinander ist das kein Problem und wird auch in den restlichen 3 Monaten keins werden.
Auch Langeweile hat sich bisher bei mir nur einen Tag lang breit gemacht. Irgendwie gehen die Tage hier trotz viel Zeit so schnell um wie im Flug. Man hat endlich mal Zeit lange zu duschen und im Badezimmer rumzutrödeln, viel zu lesen (7 Bücher sind schon durchgelesen), seinen Gedanken nachzujagen, viel spazieren zu gehen, eine neue Stadt langsam und von vielen Seiten kennenzulernen, jeden Tag richtig zu kochen, mal ein Stündchen länger zu schlafen wenn einem danach ist, seinen Schnupfen in Ruhe auszukurieren und sich nicht mit Erkältung zur Arbeit quälen zu müssen, weil man ja dringend gebraucht wird weil grad eh so viele krank sind, abends lange aufzubleiben und nicht um 22 Uhr schon vor lauter Müdigkeit ins Bett zu fallen.
Eigentlich tut es mal ganz gut auf den ganzen Kram der einen sonst umgibt zu verzichten und sich ganz anderen Dingen zu widmen. Ich bin mal gespannt was ich zu Hause dann tatsächlich alles ausmisten werde!

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